Der künstlerische Weg...
Vom Anfang seiner künstlerischen Tätigkeit an hatte Jox Reuss keine Beziehung zum Tafelbild alten Stils. Seine Arbeiten bewegten sich immer zwischen Collagen, Materialbildern und Reliefs und traten schließlich in den Raum hinaus, um Plastik zu werden. Es entstanden ‘Stelenfelder’ aus Beton und Eisen, Kugel- und Platten’bäume’ aus Metall , Eisen'buketts’ und eine Vielzahl verschiedener Kugelplastiken. An diesen Raumgebilden gab es immer etwas zu drehen, zu verändern, anzustoßen, umzustecken, so dass andere Menschen aktiv mit einbezogen wurden.

Schon in den ersten Jahren zeichnete sich Jox Reuss durch eine Ideenfülle aus. Da gab es keine einheitliche Linie, er widmete sich den unterschiedlichsten Sujets. In dieser Zeit gab es fünf, sechs, sieben verschiedene Wege, auf denen er hätte weitermachen können. Das war ungezügelt, ungeordnet, nicht einzuordnen - mithin relativ erfolglos. Es war eine Phase des Ideensammelns, vielleicht die Zeit des `Künstlers im Wartezustand’.”

Da trat 1976 ein Ereignis ein (als hätte er tatsächlich darauf gewartet): Jox Reuss wurde eingeladen, an einer Expedition durch die Ténéré im Niger teilzunehmen. Diese Begegnung mit der Wüste Sahara war einschneidend. Dadurch wurden Denk- prozesse eingeleitet, in denen sich die gesamte bisherige künstlerische Tätigkeit wie in einem Brennspiegel bündelte. Besonders die Eigenschaften des Sandes, sich in den Dünenformen, von scheinbar für die Ewigkeit geschaffener Schönheit, unter Einwirkung des Windes übergangslos in Bewegung zu setzen und in Chaos zu verwandeln, um dann wieder bei Windstille zu ästhetischer Ruhe zurück- zukehren, ist für Jox Reuss faszinierend und bildet den Kerngedanken der daraufhin entstandenen Sandbilder.
Zitat Dr. Fritz Usinger:

Die künstlerischen Gebilde von Jox Reuss sind Konkreta eigener Art, welche die vorhandene, konkrete Welt nicht abbilden oder imitieren, sondern sie um einige neue Konkreta bereichern wollen. Diese Ding-Gebilde haben keinen psychologischen Bezug auf den Künstler, der sie schuf. Sie sind ganz für sich da und führen eine losgelöste, eigene Existenz. Daher mag auch jene sachliche Heiterkeit rühren, die ihnen eigen ist. Von dieser Heiterkeit mag sich auch eine Beziehung anspinnen zum Soziologischen.
Die Vielgliedrigkeit dieser Gebilde stimmt zusammen mit der Vielgliedrigkeit der menschlichen Gesellschaft und mit der Vielgliedrigkeit einer Welt überhaupt, an deren Erhellung und Erleuchtung diese Gebilde mitzuwirken bereit sind.”

Zitat Erich Fitzau: "Bei Cezanne, also an der Wende zur Moderne, am Anfang dieses Jahrhunderts, gewinnt das Bild seine eigene Ordnung. Die Entwicklung geht dann dahin, dass das Bild das Objekt nicht mehr abbildet, sondern selbst zum Objekt wird, und die Perspektive ihren eigentlichen Sinn verliert.
Bei den Bildern von Reuss spielt die Perspektive selbstverständlich keine Rolle mehr. Die Bilder von Reuss sind vielansichtig. Nicht nur, dass seine Bilder eigenständig sind, die jüngsten Bilder haben auf Grund ihrer Mehransichtigkeit, es gibt kein oben und kein unten, kein links und kein rechts, gewissermaßen mehrere Eigenständigkeiten.
 

Zitat Hedwig Rohde:

“Analytisches Denken, handwerkliches Vermögen und ein fundamentales Verständnis für die Nutzbarmachung naturwissenschaftlicher Gesetze prägten ihn schon in dieser Schaffensperiode weitgehend fehlender öffentlicher Resonanz.
Noch etwas erscheint wichtig. In dieser Frühzeit seiner künstlerischen Tätigkeit mag zwar ein sichtbarer roter Faden gefehlt haben, doch Reuss folgte stets unbeirrt seinem eigenen Weg, verfolgte die Gedanken, die sich ihm aufdrängten, völlig unabhängig von Trends, Moderichtungen und Anregungen von außen."
Parallel zu den Sandobjekten entstehen seit 1992 Objekte mit drehbaren Farbelementen. Auch hier ist die von Bewegung und Veränderlichkeit ausgehende Faszination wesentlicher Inhalt. Dabei soll die schöpferische Aktivität des Kunstbetrachters in einer nie dagewesenen Weise herausgefordert werden, denn das Werk ist ‘unfertig’, befindet sich im Wartezustand. Diese immer wieder aufs Neue zu vollendende Schöpfung verlangt die Mitarbeit des Betrachters. Die Offenheit, Sensibilität und Freiheit des Betrachters ist also in hohem Maße gefordert. Das Einbeziehen des anderen Menschen, der nicht unmittelbar Schöpfer des Kunstwerkes ist, der aber weitgehend durch eigenes kreatives Handeln das Entstehen der Idee nach- und mitvollziehen kann, ist ein Hauptbestandteil der Arbeiten von Jox Reuss.
 
Wir wissen seit Einstein und Heisenberg, dass
eindeutige Aussagen in der Physik nicht mehr
gemacht werden können; Ratio und Mythos
werden gleichberechtigt nebeneinander
gestellt. Verknüpfung, Vernetzung wird
gefordert, kein Subjekt - Objekt - Verhältnis,
kein Dualismus. Und solche Ideen sind es
auch, die sich in den Bildern von Reuss
spiegeln. Die Vieldeutigkeit seiner Bilder kann
als Entsprechung zu dem vieldeutigen Weltbild
unserer Zeit angesehen werden.
Und da zeigt es sich, dass Reuss, vielleicht unbewusst, die Zeichen der Zeit aufnimmt.
Dr. Friedhelm Häring, Leiter des Gießener Museums, im  Katalog zur Ausstellung WelTRAUMflug (2010):  
“Tatsächlich ist Reuss ein „Mit-Schöpfer einer neuen Welt“ von anderer Wirklichkeit (Widmung Fritz Usinger1977). Seine Arbeiten sind ein Versuch, in die ungeheuerliche Weltstruktur als dem Wesenskern für alle Schöpfung vorzudringen. Er besitzt gewissermaßen einen kosmischen und mikrokosmischen Blick. Sein WelTRAUMflug verliert sich nicht im Irgendwo, er kennt feste Elemente, z.B. die Symmetrie und das Raster und Variationen zu diesen Grundelementen. Usinger formulierte: ‚Jede Kunst ist eigentlich eine Kombination aus Symmetrie und Variation, d.h. eine unendliche Möglichkeit der Abweichung, des Spielens mit der Abweichung‘. Das Angenehme an der Kunst von Jox Reuss sind das Suchen, das Erkennen, der Widerspruch, der Zweifel und das Aufbrechen. Daraus wachsen seine Visionen. Groß und klein sind keine Eigenschaften. Die Kunst von Jox Reuss sprengt die Proportionen, Traum und Welt und Flug verhindern die Festsetzungen,das  Starre. Seine Kunst ist beweglich, bewegend.“
Für den Betrachter der Objekte bedeutet dies, dass er aus der Geschlossenheit des Gewohnten und Gewöhnlichen herausgeführt wird in die Offenheit des Ungewohnten und Ungewöhnlichen."